Der Filmblick

von Jens Schlüter

Retro-Kritik: Sin City

Sin City, eigentlich Basin City, ist der Ort, in dem die Sünde zu Hause ist. Hier ist alles schwarz-weiß, eindimensional, schlecht. Das Gute sucht man hier vergebens. Das Gute gibt es nicht. Gott ist tot!

Priest:
And while you’re at it,
ask yourself if that corpse of a slut is worth dying for.

Marv (shooting the priest):
Worth dying for.
Worth killing for.
Worth going to hell for.

Amen.

Sin City erzählt drei Hauptgeschichten und eine Rahmenhandlung, wenn man so will, die alle in der einen Stadt spielen. Zusammengeführt werden die drei Haupterzählungen nur dadurch, dass sich alle Protagonisten zeitweilig in ein und demselben Striptease-Lokal aufhalten.
Die erste Geschichte (That Yellow Bastard), erzählt von einem alten Cop (Bruce Willis), der zu den wenigen ehrenhaften Polizisten der Stadt zählt und ein kleines Mädchen aus den Fängen des perversen Vergewaltigers und Senatorensohns befreien will. Die zweite Erzählung (The Hard Goodbye) handelt von Marv (Mickey Rourke), der sich in eine Frau verliebt und die kurz darauf ermordet wird. Er macht sich auf die Jagd nach dem Mörder und entdeckt ein Komplott, in das noch ganz andere Personen verwickelt sind. Die dritte Geschichte (The Big Fat Kill) erzählt von Dwight (Clive Owen) einem etwas undurchschaubaren Kriminellen, der die Prostituierten der Stadt vor einem Massaker bewahren muss.

Sin City ist eine Comic-Verfilmung. Aber nicht irgendeine. Vielmehr die konsequenteste Umsetzung mit realen Schauspielern, die es jemals gegeben hat. Wenn man die Comics, die dem Film als Vorlage dienen, in den Händen hält, erkennt man, dass diese Verfilmung nicht weit entfernt von einer 1:1 Umsetzung ist. Möglich wurde das erst durch Robert Rodriguez, dem Mann, der sich mit El Mariachi, Desperado und From Dusk Till Dawn einen Namen machte. Das Potential das Sin City bot, war schon seit seiner Entstehung für Hollywood interessant. Doch Frank Miller, der Vater der Comicvorlage, wollte keine typische Hollywood Verfilmung seiner Bücher. Er wehrte sich jahrelang vehement gegen die Angebote die Hollywood ihm unterbreitete. Und dann kam eben jener Rodriguez:
Er machte Miller den Vorschlag, einen Teil des Comics zur Probe in seinem eigenen Studio zu drehen. Sollte das Ergebnis zu Millers Zufriedenheit ausfallen, könne man einen ganzen Film drehen. Andernfalls bliebe Miller ein tolles Andenken, das er mit nach Hause nehmen könne. Wie Millers Entscheidung nach dem Probedreh aussah, ist unschwer zu schlussfolgern.
Miller kann mit dem Endresultat wohl mehr als zufrieden sein. Die Schauspieler agieren allesamt so präsent wie überhaupt möglich. Den beeindruckendsten Auftritt hinterlässt Mickey Rourke. Wenn dieser Mann die richtige Rolle bekommt, füllt er sie auch perfekt aus. Bruce Willis muss ohnehin nichts mehr beweisen. Clive Owen gefällt mir als Dwight ebenfalls sehr gut und die anderen Besetzungen sind genauso erstklassig gewählt.
Wie schon erwähnt, kann man bei Sin City fast behaupten, es handle sich um eine 1:1 Umsetzung der Comicvorlage: Der Großteil des Films ist schwarz-weiß, also sehr nah am Comic, der ja wirklich nur die “Farben” schwarz und weiß verwendet (Okay, der Yellow-Bastard ist auch im Comic gelb…). Im Comic gibt es allerdings nicht einmal Grautöne. Die Figuren und Hintergründe sind schemenhaft gezeichnet, oft nur an den Umrissen zu erkennen. Der Film hingegen setzt bewusst farbliche Akzente: So wird das Blut rot dargestellt, die Schuhe von Dwight sind rot, die Augen von Becky wunderschön blau.
Der Schnitt des Films ist sehr scharf und gekennzeichnet durch oft extreme Perspektivenwechsel. Darin zeigt sich noch einmal die Nähe zum Comic. Kamerafahrten werden nur gezielt sparsam eingesetzt, etwa wenn Dwight im Auto sitzt, die Straße entlang fährt und die Ereignisse reflektiert. In der Marv-Erzählung werden Kamerafahrten eingesetzt, wenn er den Verstand zu verlieren scheint. Die Bildsprache des Films ist beeindruckend. Der Symbolgehalt des Films ist ein weiteres Stilmittel. Er unterstützt die Geschichte und durch die Symbole wird es oft überhaupt erst möglich, die Geschichten als Ganzes zu verstehen. Wenn Miho ihre Ninja-Wurfsterne in Form eines Hakenkreuzes wirft, tut sie das nicht, weil es irgendwie cool aussehen soll. Vielmehr steht hier das Hakenkreuz für das Symbol der Verführung, das gleichzeitig Verderben bringt. Und nicht nur Becky trägt Kreuze um den Hals und Friedenszeichen als Ohrringe. Ob sie allerdings dadurch zur Unschuld in Person wird darf doch stark bezweifelt werden.

Auf den ersten Blick sind die Erzählungen unheimlich trivial. Aber spätestens seit Pulp Fiction wissen wir, dass Schund unter der Oberfläche durchaus mehr sein kann. Nur so kann ich mir erklären, dass viele Kritiker den Film als reine Gewaltverherrlichung verstehen. Auch Frauenfeindlichkeit wird dem Film unterstellt: Naja, logisch – alle Frauen laufen halbnackt durch die Gegend, sind Prostituierte und dienen den Männern als Lustobjekte. Die Männer andererseits sind reine Tötungsmaschinen. Es wird geköpft, erschossen, erhängt, der Kopf zerquetscht, der Frauenkörper lebendig verspeist etc. Die Liste lässt sich noch eine ganze Zeit so fortsetzen. Deutlich werden muss aber, dass der Film reine Fiktion ist. Das Szenario ist zwar durchaus übertragbar auf unsere Welt, wird aber duch die extreme Stilisierung der Figuren, den starken Symbolgehalt und die Bildsprache, die wirklich nur Extreme kennt, von unserer Realität entfremdet. In einer Welt, die so aussieht wie die von Sin City, handelt niemand gut. Es gibt eben nicht eindeutig schwarz und weiß, Gut und Böse. Es gibt nur das was dazwischen ist.
Marv ist ein Psychopath, der mordend durch die Gegend streift. Er ist aber nicht ohne Grund so wie er ist. Er hat sich nur angepasst. Als er zum ersten Mal keine Verachtung findet, ist er sogar fähig selbst Liebe zu empfinden. Doch in der Welt von Sin City ist Liebe nur von kurzer Dauer. Genauso der Cop Hartigan, der sich eine heile Welt erdenkt: Die kleine Nancy wird für ihn zum Symbol der Unschuld. Später muss er jedoch erkennen, dass in Sin City niemand wirklich unschuldig sein kann. Und die Kirche, der Klerus? Der ist hier so schlimm wie niemand sonst. Genauso wie der Staat. Sie dienen nur dazu eine verlogene Moral aufrecht zu erhalten hinter der man sich verstecken kann. Mehr bleibt nicht!
Bislang gibt es Sin City in Deutschland nur auf einer Single-DVD ohne nennenswerte Extras. In den Staaten gibt es allerdins noch einen Extended Recut, der die einzelnen Episoden um einige Szenen des Comics erweitert. So z. B. um jene Sequenz in der Marv “seine Gladis” von zu Hause abholt und ein Gespräch mit seiner Mutter führt. Außerdem hat die Doppel-DVD jede Menge Bonusmaterial, die die Entstehung des Films veranschaulicht.

Ich habe mir den Film in dieser amerikanischen Version gekauft, da zum einen die deutsche Synchronisation (und die ist nicht schlecht) nicht an den englischen Originalton heranreicht. Wenn Marv alias, Mickey Rourke mit seiner rauen, von Zigaretten und Alkohol gekennzeichneten Stimme aus dem Off zu hören ist, macht das doch sehr viel mehr her als in der deutschen Version. Außerdem ist der Ton in der englischen Version im DTS-Format abgemischt. Wer des Englischen halbwegs mächtig ist, sollte deshalb auf jeden Fall zur amerikanischen Extended Version greifen. Man kauft den Film ja nur einmal.

Congeniale, visuell berauschende und extrem gewalttätige Comicverfilmung, die eine Sünde wert ist!
10 von 10 Wurfsterne.

- Jens Schlüter -

Sin City
Comic-Verfilmung, USA 2005, 119 Minuten, keine Jugendfreigabe
Originaltitel: Sin City; Deutschlandstart: 11.08.2005 (Miramax); Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller
mit Bruce Willis, Mickey Rourke, Clive Owen, Jessica Alba, Benicio Del Toro, Alexis Bledel, Rosario Dawson, Devon Aoki u. a.

Die Seite zum Film im Netz: www.movie.de/filme/sincity/

Kritik ursprünglich verfasst am 20.01.2006.

2 Reaktionen zu “Retro-Kritik: Sin City”

  1. Seanna

    Well said.

  2. Zy

    Gut geschrieben.
    Mihos “Ninja-Wurfstern” ist ein Shuriken – es gibt sie in unterschiedliche Formen, auch in der Form des nach links geneigten Hakenkreuzes [Omote Manji: steht für Liebe zu Dharma und der Barmherzigkeit], nach rechts geneigt ist es ein Ura Manji. Dieses [Manji] hat eine große spirituelle Bedeutung im japanischen Buddhismus, da es das harmonische Zusammenspiel zwischen Tag und Nacht, Himmel und Erde repräsentiert.

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