Der Filmblick

von Jens Schlüter

Retro-Kritik: Kill Bill – Volume 1 & 2

Kill Bill Volume 1 & 2 – Diesmal eine doppelte Rezension, was sich ja anbietet bei einem Film, der als Ganzes geplant und nur durch beide Teile zusammen erst einen Sinn ergibt. Die Geschichte beginnt in Volume 1 und wird in Volume 2 weitererzählt. Trotzdem sind beide Filme sehr eigenständig geraten.

Schlafend zu sterben ist ein Luxus, der uns nur sehr selten gewährt wird. Mein Geschenk für dich. - Elle Driver kümmert sich im Krankenhaus rührend um die im Koma liegende Braut.

Teil 1 beginnt damit, das Schicksal der Braut, gespielt von Uma Thurman, einzuführen. Die Szenerie beginnt mitten in der eigentlichen Geschichte: Die Braut liegt am Boden, das Gesicht blutbespritzt und schweißgebadet. Dann hört man Schritte auf dem Holzboden. Ein Mann nähert sich und spricht zu ihr, während er ihr Gesicht mit einem Tuch abwischt. Auf dem Tuch ist der Name Bill zu lesen. Die Frau am Boden versucht den Mann, der nicht zu sehen ist zu ermahnen, doch noch bevor sie aussprechen kann, fällt ein Schuss und die komplett in schwarz-weiß gefilmte Szene wird ausgeblendet. Volume 1 erzählt eine Rachegeschichte: Die Braut, die das Attentat überlebt hat, kehrt nach vier Jahren zurück, um Rache an denen zu nehmen, die an dem Mordanschlag beteiligt waren. Sie stellt eine Liste auf, deren Namen sie einzeln abarbeitet. Volume 2 führt diese Geschichte fort, da einige Beteiligte, insbesondere natürlich ihr Geliebter Bill, der Drahtzieher des Ganzen war, mit dem Leben davon gekommen sind. Die Geschichte hält aber noch weitere Überraschungen bereit.

Volume 1 ist in erster Linie ein Film, der dem (japanischen) Eastern Tribut zollt. Der Film ist von der Erzählung, zumindest im ersten Teil, stark an Lady Snowblood aus dem Jahre 1973 angelehnt. Tarantino hat die Grundelemente der Rache, sogar den Showdown im Teehaus komplett aus diesem Film entlehnt. Den Motarradoverall, den Uma Thurman im Showdown trägt, findet man bei Bruce Lee in Game Of Death aus dem Jahre 1978 wieder. Die Masken der Crazy 88s zitieren The Green Hornet, einer Fernsehserie mit Bruce Lee von 1966. Diese Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Quentin Tarantino beweist damit seine Liebe zum fernöstlichen Film.
Allerdings tauchen bereits in Teil 1 Szenen auf, die dem Western (oder Italo-Western) entlehnt sind. Z. B. die Sequenz, in der der Sheriff die vermeintlich tote Braut begutachtet. So schafft er langsam eine Brücke zu Volume 2.
Teil 2 ist das Werk, das dem Western huldigt. Der Szenenanteil, in denen es um das fernöstliche Kino geht, wird langsam zurückgefahren. Es bleiben nur noch einige typische Stilelemente, wie die Katanas oder die einfach herrliche Fünf-Punkte-Pressur-Herzexplosions-Technik. Auch die Sequenz, in der die Braut Unterricht vom Meister Pai Mei erhält, ist großartig eingefangen. Hier vergisst Tarantino beinahe seinen eigenen Erzählstil und lässt sich ganz auf die Stilelemente des klassischen (Hongkong) Eastern ein. Dennoch herrschen die Elemente des Western vor. Das bemerkt man schon an dem verwendeten Soundtrack, der hauptsächlich von Ennio Morricone stammt, welcher für die bekannten Sergio Leone Western unvergessliche Melodien komponierte. Außerdem wird der Schauplatz in die Wüste Texas’ verlagert, wo sich Staub und Schmutz zur Szenerie gesellen. Die Kämpfe inszeniert er zunehmend im Stile der Duelle eines Italo Western. Deshalb ist Teil 2 in seinem Verlauf auch wesentlich ruhiger geraten als Volume 1: Während der Eastern actionbetonter daherkommt und sich durch toll choreographierte Kampfszenen auszeichnet, gibt sich der (Italo-)western eher ruhig und gemäßigt, um dann die aufgebaute Spannung expolisonsartig im Klimax aufzubrechen. Daher ist Teil 2 denn auch eher schmutzig als blutig geraten.

Wie stark hier die Elemente des Western mit denen des Eastern verzahnt sind, wird auch deutlich, wenn man sich die Motive auf der Handlungsebene anschaut: In Volume 1 trifft die Braut auf den Schwertmeister Hattori Hanzo und und die Auftragsmörderin O-Ren Ishii. Dabei spielen die Motive Ehre und Respekt eine große Rolle. Diese Themen haben im fernöstlichen Kino Tradition. In Volume 2 findet man die Motive Habgier, Betrug und Verrat personifiziert in Elle Driver, aber auch im Verlauf der ganzen Erzählung. Betrug und Verrat sind typische Merkmale des Italo-Western. In der Beziehung von Bill und der Braut gehen die Motive eine Symbiose ein. Ganz deutlich wird das, wenn sich die beiden Todfeinde zum Ende hin gegenüber stehen:
Die beiden sprechen über den Verrat und das Misstrauen, das sie einander entgegen bringen. Gleichzeitig wird aber deutlich, wie sehr sie sich als Gegner respektieren und achten, und welche Bedeutung das Ehrgefühl einnimmt.
Tarantino wäre aber nicht Tarantino, wenn er dem Film nicht seinen ganz eigenen Erzählstil (häufige Zeitsprünge und nicht linearer Verlauf, lange Einstellungen usw.) aufdrücken würde. Das prägt die beiden Filme in hohem Maße und sorgt dafür, dass Kill Bill nicht zu einem billigen Zitat verkommt.
Auch die Charaktere sind wunderbar entwickelt und hervorragend besetzt. Egal ob es Uma Thurman in der Rolle der Braut, David Carradine als Bill, Lucy Liu als O-Ren Ishii, Michael Madsen als Budd oder in den Nebenrollen der legendäre Sonny Chiba, Gordon Liu u. a. sind. Das war immer das besondere Fingerspitzengefühl Tarantinos. Es macht den Anschein, als würde er sich erst die Schauspieler für die Besetzungsliste ausdenken und ihnen anschließend die Figuren auf den Leib schneidern.
Ein weiteres Merkmal, das weniger in Teil 1, um so mehr aber in Teil 2, zur Geltung kommt, ist das Talent des Regisseurs für seine wunderbaren Dialoge. Tarantinos Komposition ist als Ganzes stimmig.

Kill Bill ist das Werk eines Filmbesessenen, der sein ganzes Leben nichts anderes getan hat, als Filme zu schauen und diese zu bewundern. Gleichzeitig schafft er es aber auch einen eigenen Stil zu entwickeln, so dass in der Gesamtheit etwas Neues daraus entsteht.

Ein Wort noch zur Gewalt, der Tarantino in seinem Werk gerade in Teil 1 so großen Raum geschenkt hat und die immer wieder kritisch bewertet wird: Tarantino betrachtet Gewalt im Film als Stilmittel und er setzt sie auch ganz offen zur Unterhaltung ein. Das hat er immer wieder in Interviews betont. Er macht aber auch in Kill Bill ganz klar deutlich, dass “seine” Gewalt lediglich fiktiv ist, indem er den Showdown im Teehaus einleitet durch die Animeerzählung. Hier werden die Weichen gestellt für das was danach folgt. Gewalt in Kill Bill ist reine Fiktion! Sie ist “gezeichnet” oder besser: überzeichnet! Dem einen gefällt es, dem anderen nicht.

Tarantino hat zwei Versionen von Kill Bill angefertigt.
Eine Version ist für den westlichen Raum bestimmt. Hier wurde in Volume 1 der Schwertkampf der Braut gegen die Crazy 88s in schwarz-weiß gedreht und einige Szenen wurden umgeschnitten. Die andere Version ist für den asiatischen Raum bestimmt und zeigt diese schwarz-weiß Szenen komplett in Farbe. Das Einfügen von schwarz-weißen Szenen war in der Vergangenheit ein Mittel der Zensur wenn es darum ging, asiatische Filme im westlichen Teil der Welt zu vermarkten. Bei Tarantino wird dieses Zensurmittel aber auch zum Stilmittel. Man sollte nach Möglichkeit versuchen, sich beide Fassungen einmal anzusehen. Die asiatische Version existiert allerdings nur in englischer Sprache. Ich habe mir beide Versionen auf DVD gekauft (vgl. www.schnittberichte.com). Auch von Vol. 2 gibt es eine spezielle Fassung für den asiatischen Raum, deren Unterschiede zur internationalen Fassung aber nur einige wenige Szenen betreffen, die kaum der Rede wert sind.

Tarantinos Meisterwerk der Filmzitate ist eine Liebeserklärung an Eastern und Western.
10 von 10 Hatori Hanzo Schwerter!

- Jens Schlüter -

Kill Bill Vol. 1 & 2
Action-/Rachethriller, USA 2003/04, 106 bzw. 131 Minuten, keine Jugendfreigabe bzw. ab 16
Originaltitel: Kill Bill Vol. 1 & 2; Deutschlandstart: 16.10.2003/22.04.2004 (Miramax); Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino
mit Uma Thurman, David Carradine, Lucy Liu, Daryl Hannah, Michael Madsen, Chiaki Kuriyama Vivica A. Fox, Sonny Chiba u. a.

Die Seite zum Film im Netz: www.killbill-derfilm.de

Kritik ursprünglich verfasst am 29.11.2005

2 Reaktionen zu “Retro-Kritik: Kill Bill – Volume 1 & 2”

  1. Paul

    Quentin Tarantino ist ein Meister seines Fachs.
    Kill Bill ist ein gelungenes Meisterwerk.

    Sicherlich hast du bereits von seinem neuen Streich namens: Inglourious Basterds gehört.

    Die Poster und Trailer gibt es hier:
    http://www.jbarcelona.de/2009/02/inglourious-basterds

  2. Bastards: Die Coolagen des Quentin Tarantino | endoplast.de

    [...] “Kill Bill” als Puzzle-Kunst [...]

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